Für Fachpersonen
Leitfaden für Ärzte, Hebammen und Pädiater: wann zuweisen, was mitschicken, welche Zeitfenster entscheidend sind.
Dieser Leitfaden ist zentrumsneutral. Er richtet sich an alle Fachpersonen in der Schweiz und ist unabhängig vom behandelnden Zentrum. Die Zuweisung erfolgt idealerweise direkt an eines der spezialisierten Universitätszentren (→ Übersicht weiter unten).
Lippen-Kiefer-Gaumenspalten (LKG-Spalten) und kraniofaziale Fehlbildungen erfordern ein erfahrenes, interdisziplinäres Spezialteam. Eine frühzeitige Zuweisung — in manchen Fällen bereits pränatal — ist entscheidend für ein optimales Ergebnis und die Vorbereitung der Familie.
Die nachfolgende Matrix gibt Orientierung: Welche Diagnose, welches Zeitfenster, welche Dringlichkeit — und was beim Erstkontakt mitgegeben werden sollte.
Sofortige Zuweisung / Notfallkontakt. Kann nicht auf einen Termin warten. Direkt Neonatologie oder MKG-Dienst des Spezialzentrums kontaktieren.
Zuweisung innerhalb weniger Tage. Zeitfenster klinisch bedeutsam — Verzögerung kann Behandlungsoptionen einschränken.
Zuweisung innerhalb von 2–4 Wochen. Kein unmittelbarer Notfall, aber frühzeitige Abklärung empfohlen.
Zuweisung ohne Zeitdruck möglich. Patient / Familie sollte dennoch informiert werden, dass ein Spezialistentermin empfohlen ist.
Die folgende Tabelle gibt eine Orientierungshilfe. Die Dringlichkeit kann im Einzelfall abweichen — bei Unsicherheit empfiehlt sich der direkte Kontakt mit dem Spezialzentrum.
| Diagnose / Situation | Zeitfenster | Dringlichkeit | Hinweise |
|---|---|---|---|
| Pierre-Robin-Sequenz mit Atemwegsobstruktion | Sofort | 🔴 Notfall | Direkt Neonatologie / MKG-Dienst kontaktieren. Atemwegsmanagement hat Priorität. |
| Schwere Kraniosynostose mit ICP-Zeichen (Stauungspapille, Sonnenuntergangsphänomen) | Sofort | 🔴 Notfall | Neurochirurgische Mitbeurteilung. Keine Verzögerung. |
| Neugeborenes mit LKG-Spalte (postnatal) | Innerhalb 1–2 Wochen | 🟠 Dringlich | Ernährungsberatung, Trinkaufsatz-Anpassung, Gaumenplatte. Früher Termin erleichtert die Familie erheblich. |
| Pränataldiagnose LKG-Spalte (Ultraschall SSW 20–22) | Vor der Geburt, nach Diagnosestellung | 🟠 Dringlich | Pränatale Beratung ermöglicht Geburtsplanung, Ernährungsvorbereitung, emotionale Begleitung der Eltern. |
| Isolierte Gaumenspalte (postnatal erkannt) | Innerhalb 2–4 Wochen | 🟠 Dringlich | Oft erst nach der Geburt erkennbar. Trinkprobleme und Ernährungsberatung im Vordergrund. |
| Kraniosynostose (Verdacht, ohne ICP-Zeichen) | Innerhalb 2–4 Wochen | 🟡 Zeitnah | Frühzeitige Zuweisung bei klinischem Verdacht. Bildgebung nach Rücksprache mit dem Spezialzentrum oder gemäss lokalem diagnostischem Pfad; vorhandene Bildgebung bitte mitsenden. Differentialdiagnose lagebedingte Plagiozephalie. |
| Plagiozephalie — Synostose nicht ausgeschlossen | Innerhalb 4–8 Wochen | 🟡 Zeitnah | Klinische Differenzierung kann schwierig sein. Frühe Abklärung sichert Behandlungsoptionen (endoskopisch vs. offen). |
| Syndromale Fehlbildung (Apert, Crouzon, Treacher Collins, Pierre Robin ohne Atemwegsproblem, Pfeiffer) | Innerhalb 2–4 Wochen | 🟡 Zeitnah | Interdisziplinäres Erstgespräch. Genetische Abklärung koordinieren. |
| Schulkind: Kieferspaltosteoplastik-Timing | Vor dem 8. Lebensjahr zur kieferorthopädischen Vorbereitung | 🟢 Elektiv | Optimaler OP-Zeitpunkt: Eckzahnwurzel 50–75%, i.d.R. 9.–11. Lebensjahr. Frühzeitige kieferorthopädische Mitbehandlung erforderlich. |
| Jugendlicher / Erwachsener: Dysgnathie, Umstellungsosteotomie | Nach Abschluss des Kieferwachstums (≥ 17–18 J.) | 🟢 Elektiv | Kieferorthopädische Vorbehandlung obligat. Gemeinsame Planung MKG + Kieferorthopädie. |
| Rhinoplastik / Narbenkorrektur / Implantatversorgung | Nach Wachstumsabschluss | 🟢 Elektiv | Patientenwunsch und Funktionsdiagnostik entscheidend. |
Je vollständiger die Unterlagen beim Erst- oder Notfallkontakt, desto rascher kann das Spezialzentrum handeln. Die folgenden Übersichten sind nach Fallkategorie gegliedert.
Damit die überweisende Fachperson die Familie richtig vorbereiten kann:
Der Ersttermin im Spezialzentrum dauert in der Regel 1–2 Stunden und umfasst ein ausführliches Informationsgespräch, die klinische Untersuchung und erste Weichenstellungen für die Behandlung. Die Familie erhält einen individuellen Behandlungsplan mit allen Phasen und Zeitfenstern. Bei Neugeborenen werden Spezialflaschen und die Gaumenplatte besprochen. Eine Rückmeldung an die zuweisende Fachperson erfolgt in der Regel per Bericht.
LKG-Spalten und kraniofaziale Fehlbildungen sind sehr gut behandelbar. Ein erfahrenes Spezialteam begleitet die Familie über viele Jahre. Beim Ersttermin werden alle offenen Fragen besprochen — kein Vorinformation ist falsch oder unwichtig.
Die folgende Übersicht listet die universitären Zentren in der Schweiz, die über spezialisierte, interdisziplinäre Teams für LKG-Spalten und kraniofaziale Fehlbildungen verfügen. Die Auflistung ist alphabetisch nach Ort und ohne Wertung.
Universitätsspital Basel (USB) & Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB)
Inselspital, Universitätsspital Bern
Hôpitaux universitaires de Genève (HUG)
Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV)
Universitätsspital Zürich (USZ) & Kinderspital Zürich (Kispi)
Alle Zentren sind Teil des Europäischen Referenznetzwerks ERN CRANIO oder arbeiten nach dessen Qualitätsstandards.
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Bei Verdacht auf eine Kraniosynostose, syndrom-assoziierte Fehlbildungen, eine Robin-Sequenz oder relevante Atemwegs- bzw. Fütterungsprobleme ist eine frühzeitige Vorstellung sinnvoll. Bei Neugeborenen mit Atemwegsobstruktion ist Dringlichkeit gegeben.
Die Wahl richtet sich nach Fragestellung und Alter; Strahlenschutzaspekte sind bei Kindern besonders zu beachten. Die konkrete Indikation wird individuell im spezialisierten Zentrum gestellt.
Timing und Sequencing hängen von Diagnose, Wachstum und Funktion ab und folgen etablierten, aber individuell angepassten Behandlungspfaden. Eine interdisziplinäre Planung wird empfohlen.