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Kraniofaziale Fehlbildungen

Treacher-Collins-Syndrom

Angeborene, meist symmetrische Unterentwicklung von Jochbein, Unterkiefer und Ohren – mit normaler geistiger Entwicklung.

Kurzantwort

Das Treacher-Collins-Syndrom (mandibulofaziale Dysostose) ist eine angeborene Fehlbildung der Gesichtsknochen. Typisch sind eine meist symmetrische Unterentwicklung von Jochbein und Unterkiefer, nach unten-aussen geneigte Lidachsen, Einkerbungen der Unterlider (Kolobome) sowie Ohrfehlbildungen mit Schallleitungsschwerhörigkeit. Es ist keine Kraniosynostose – Gehirn und geistige Entwicklung sind in der Regel normal. Im Vordergrund stehen Atemweg, Hören und die schrittweise Rekonstruktion des Gesichts.

Ursache und Vererbung

Häufigste Ursache sind Veränderungen im TCOF1-Gen, das das Eiweiss «Treacle» codiert; seltener sind die Gene POLR1C und POLR1D betroffen.[1] Diese Veränderungen stören die frühe Entwicklung der sogenannten Neuralleistenzellen, aus denen ein grosser Teil der Gesichtsknochen entsteht.[2] Die Vererbung ist meist autosomal-dominant (bei POLR1C autosomal-rezessiv); etwa 60 % der Fälle entstehen de novo. Die Häufigkeit liegt schätzungsweise bei rund 1 : 50.000.

Genetische Beratung ist wichtig, weil die Ausprägung selbst innerhalb einer Familie stark schwankt und das Wiederholungsrisiko vom betroffenen Gen abhängt.

Typische Merkmale

  • Unterentwicklung von Jochbein und Wangenknochen (oft symmetrisch)
  • Kleiner, zurückliegender Unterkiefer (Mikrognathie/Retrognathie)
  • Nach unten-aussen geneigte Lidachsen
  • Einkerbungen der Unterlider (Kolobome), oft mit fehlenden Wimpern im äusseren Bereich
  • Ohrfehlbildungen (Mikrotie) und Gehörgangsenge/-verschluss → meist beidseitige Schallleitungsschwerhörigkeit
  • Gaumenspalte in etwa einem Drittel der Fälle
  • Atemwegsprobleme, besonders im Neugeborenenalter (durch kleinen Unterkiefer und enge Atemwege)

Die geistige Entwicklung ist normal. Die Ausprägung reicht von sehr mild bis schwer.

Atemweg in der Neugeborenenzeit

Durch den kleinen, zurückliegenden Unterkiefer und enge Atemwege kann es – ähnlich wie bei der Pierre-Robin-Sequenz – zu Atemproblemen kommen. In schweren Fällen sind Lagerung, Atemhilfen, eine Unterkiefer-Distraktion oder selten ein vorübergehender Luftröhrenschnitt (Tracheostoma) nötig. Eine frühe Beurteilung in einem spezialisierten Zentrum ist entscheidend.

Warnzeichen beim Säugling: angestrengte Atmung, Einziehungen, Atempausen, bläuliche Verfärbung, Trink- und Gedeihprobleme. Solche Zeichen erfordern eine rasche ärztliche Beurteilung.

Hören und Sprache

Durch Mittelohr- und Gehörgangsfehlbildungen besteht meist eine beidseitige Schallleitungsschwerhörigkeit. Da das Innenohr in der Regel funktioniert, ist die frühe Versorgung mit einem Knochenleitungs-Hörsystem (z.B. Knochenleitungs-Hörgerät / BAHA) sehr wirksam und unterstützt die Sprachentwicklung. Logopädie und regelmässige Hörtests sind wichtig.

Operative Rekonstruktion – schrittweise über Jahre

Die Behandlung erfolgt in mehreren, sorgfältig geplanten Schritten:

  • Atemwegs- und Ernährungssicherung im Neugeborenenalter, ggf. Unterkiefer-Distraktion
  • Hörversorgung früh (Knochenleitung), später ggf. ohrchirurgische Massnahmen
  • Verschluss einer Gaumenspalte, falls vorhanden
  • Lidkorrektur (Kolobome) zum Schutz und zur Form der Augen
  • Rekonstruktion von Jochbein und Augenhöhlenrand mit Knochentransplantaten
  • Unterkiefer-/Bisskorrektur (kieferorthopädisch und – nach Wachstumsabschluss – kieferchirurgisch)
  • Ohrrekonstruktion (körpereigener Rippenknorpel, meist ab dem Schulalter, oder Epithese)
  • Weichteil- und Nasenkorrekturen zur Feinabstimmung

Die Reihenfolge richtet sich nach Funktion (Atmung, Hören, Augen) und Wachstum. Definitive Eingriffe werden oft erst im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter abgeschlossen.

Diagnostik

Zur Abklärung gehören: klinische Untersuchung durch ein kraniofaziales Team, Hörtest und HNO-Beurteilung, Schlaf-/Atemwegsdiagnostik bei Bedarf, 3D-Bildgebung der Gesichtsknochen sowie genetische Diagnostik (TCOF1, POLR1C, POLR1D).

Behandlung im interdisziplinären Zentrum

Optimal ist die Betreuung durch ein Team mit Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie / kraniofazialer Chirurgie, HNO und Audiologie, Pädiatrie, Anästhesie, Augenheilkunde, Kieferorthopädie und Kinderzahnmedizin, Logopädie, Genetik sowie Psychologie und Sozialberatung.

Möglicher Behandlungsfahrplan

Neugeborenenzeit
Sicherung von Atemweg und Ernährung, Hörscreening, genetische Abklärung; ggf. Unterkiefer-Distraktion.
Säuglings-/Kleinkindalter
Hörversorgung (Knochenleitung), ggf. Gaumenverschluss, Lidkorrektur; Sprachförderung.
Schulalter
Jochbein-/Orbitarekonstruktion, Beginn der Ohrrekonstruktion, kieferorthopädische Behandlung.
Jugend­alter
Definitive Unterkiefer-/Bisskorrektur, Nasen- und Weichteilkorrekturen, psychosoziale Begleitung.

Prognose

Die Prognose ist günstig: Die geistige Entwicklung ist normal, und nach Sicherung der Atemwege in der Neugeborenenzeit ist auch die Lebenserwartung normal. Der Schweregrad ist jedoch sehr unterschiedlich – von sehr mild bis ausgeprägt. Mit früher Hörversorgung und gestaffelter Rekonstruktion erreichen die meisten Betroffenen eine gute Funktion und Lebensqualität. Wichtig sind die rechtzeitige Sicherung von Atemweg und Hören sowie eine langfristige, koordinierte Begleitung.

Kernaussage: Das Treacher-Collins-Syndrom betrifft vor allem die Gesichtsknochen, Augenlider und Ohren – bei normaler geistiger Entwicklung. Atemweg und Hören haben Vorrang; die Gesichtsrekonstruktion erfolgt schrittweise in einem spezialisierten Zentrum.

Was ist gesichert, was ist im Fluss?

Was international weitgehend anerkannt ist: Meist liegt eine TCOF1-Mutation zugrunde, autosomal-dominant vererbt. Die symmetrische Unterentwicklung von Jochbein, Unterkiefer und Ohren ist charakteristisch, die Intelligenz ist in der Regel normal.
Wo Behandlungskonzepte zwischen Zentren variieren: Der Zeitpunkt der Unterkieferdistraktion wird unterschiedlich gehandhabt – früh und funktionell orientiert versus später und stärker ästhetisch orientiert. Auch Technik und Zeitpunkt der Ohrrekonstruktion unterscheiden sich zwischen Zentren.
Was wissenschaftlich noch offen ist: Ein direkter Langzeitvergleich zwischen früher und später Unterkieferdistraktion fehlt. Auch die optimale Reihenfolge der zahlreichen notwendigen Teileingriffe über die Kindheit hinweg ist nicht abschliessend standardisiert.

Quellen

  1. Dixon J, Trainor P, Dixon MJ (2007). Treacher Collins syndrome. Orthod Craniofac Res, 10(2):88–95. DOI
  2. Sakai D, Trainor PA (2008). Treacher Collins syndrome: unmasking the role of Tcof1/treacle. Int J Biochem Cell Biol, 41(6):1229–32. DOI

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Typische Behandlungssequenz

Atemweg und Hören stehen früh im Vordergrund; Rekonstruktion über Jahre.

OperationKontrolleTherapieAbklärung
Neugeborenes
Abklärung

Atemweg & Hören sichern

Atemwege haben Priorität (Lagerung, ggf. Unterkieferdistraktion oder Tracheotomie); frühe Hörabklärung; Ernährung.

Säuglingszeit
Therapie

Hörversorgung

Knochenleitungs-Hörgerät (zunächst als Softband) zur Sprachentwicklung; bei Bedarf Unterkieferdistraktion.

Kleinkind
Operation

Lid- & Gaumenkorrektur

Bei Lidkolobom Korrektur zum Schutz der Hornhaut; Gaumenspaltverschluss, falls vorhanden.

ca. 6.–10. Jahr
Operation

Jochbein/Orbita & Ohr

Knochenaufbau von Jochbein und Augenhöhle; Ohrmuschelrekonstruktion (Rippenknorpel oder Implantat).

ca. 13.–16. Jahr
Operation

Kieferkorrektur

Umstellungsosteotomie nach ausreichendem Wachstum, abhängig vom Kiefergelenk.

Ab ~16 Jahren
Operation

Weichteil-Feinkorrekturen

Fetttransfer/Konturierung, Nasenkorrektur; Gehörgangschirurgie selektiv.

Lebenslang
Kontrolle

Nachsorge

Hören, Sehen, Atmung/Schlaf, Psychosoziales.

Typischer Ablauf – individuell sehr unterschiedlich. Zeitpunkte, Reihenfolge und Art der Eingriffe werden immer individuell im spezialisierten Zentrum festgelegt und können deutlich abweichen. Grundlage sind etablierte kraniofaziale Behandlungskonzepte (u. a. ERN CRANIO). Siehe auch Behandlungspfade und Kraniofaziale Bibliothek.

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Behandlung & Operation

Weiterführende Informationen

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