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Kraniofaziale Fehlbildungen

Hemifaziale Mikrosomie & Goldenhar-Syndrom

Asymmetrische Unterentwicklung einer Gesichtshälfte – das okulo-aurikulo-vertebrale Spektrum (OAVS).

Kurzantwort

Die hemifaziale Mikrosomie ist nach der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte die zweithäufigste angeborene Gesichtsfehlbildung. Typisch ist eine asymmetrische Unterentwicklung von Unterkiefer, Ohr und Weichteilen einer Gesichtshälfte. Sie gehört zum okulo-aurikulo-vertebralen Spektrum (OAVS). Das Goldenhar-Syndrom ist eine Variante dieses Spektrums mit zusätzlichen Augenbefunden (epibulbäre Dermoide) und Wirbelsäulenanomalien. Die geistige Entwicklung ist meist normal.

Ursache

Die hemifaziale Mikrosomie entsteht durch eine Entwicklungsstörung des 1. und 2. Schlundbogens in der Frühschwangerschaft, aus denen Unterkiefer, Ohr und Teile des Gesichts hervorgehen. Die Ursachen sind heterogen; die meisten Fälle treten sporadisch (ohne familiäre Häufung) auf. Diskutiert wird unter anderem eine frühe Durchblutungsstörung im Gesichtsbereich; in einem kleineren Teil spielen genetische Faktoren eine Rolle.[1] Die Häufigkeit liegt schätzungsweise bei etwa 1 : 3.500 bis 1 : 5.600 Geburten.[2]

Genetische Beratung ist sinnvoll, da das Spektrum sehr variabel ist und in manchen Familien mildere Formen vorkommen. Eine genetische Abklärung kann zur Einordnung beitragen.

Typische Merkmale

  • Einseitige (seltener beidseitige, asymmetrische) Unterentwicklung des Unterkiefers mit Gesichtsasymmetrie
  • Ohrfehlbildung (Mikrotie bis Anotie) und vorgelagerte Hautanhängsel (präaurikuläre Anhängsel)
  • Schallleitungsschwerhörigkeit auf der betroffenen Seite
  • Schwäche des Gesichtsnervs (Fazialisparese) auf der betroffenen Seite möglich
  • Makrostomie (seitlich verbreiterte Mundspalte)
  • Augenbeteiligung beim Goldenhar-Syndrom: epibulbäre Dermoide (gutartige Gewebeauflagerungen am Auge)
  • Wirbelsäulenanomalien (vor allem beim Goldenhar-Syndrom)
  • Gelegentlich Begleitfehlbildungen an Herz oder Nieren

Die Ausprägung ist sehr variabel – von sehr mild bis ausgeprägt.

Goldenhar-Syndrom als Variante

Der Begriff Goldenhar-Syndrom bezeichnet eine schwerere Variante des okulo-aurikulo-vertebralen Spektrums, bei der zusätzlich zu den Gesichtsmerkmalen epibulbäre Dermoide der Augen und Wirbelsäulenanomalien auftreten. Hemifaziale Mikrosomie und Goldenhar-Syndrom werden heute als unterschiedliche Ausprägungen desselben Spektrums verstanden.[1]

Funktionelle Prioritäten beim Neugeborenen

Bei ausgeprägter Unterkieferunterentwicklung können – ähnlich wie bei der Pierre-Robin-Sequenz – Atem- und Trinkprobleme bestehen. Diese haben Vorrang und erfordern eine frühe Beurteilung. Ebenso wichtig ist eine frühe Hörabklärung, da das Hören die Sprachentwicklung beeinflusst.

Warnzeichen beim Säugling: angestrengte Atmung, Atempausen, bläuliche Verfärbung, Trink- und Gedeihprobleme – rasch ärztlich beurteilen lassen.

Behandlung – schrittweise über Jahre

  • Atemwegs- und Ernährungssicherung im Neugeborenenalter, ggf. Unterkiefer-Distraktion
  • Frühe Hörversorgung (z.B. Knochenleitungs-Hörsystem) und regelmässige Hörtests
  • Korrektur der Makrostomie (seitliche Gesichtsspalte) im Säuglingsalter
  • Behandlung der Augenbefunde (z.B. Entfernung epibulbärer Dermoide) bei Bedarf
  • Unterkiefer- und Mittelgesichtsrekonstruktion mit Distraktion oder Knochentransplantaten
  • Ohrrekonstruktion (körpereigener Rippenknorpel, meist ab dem Schulalter, oder Epithese)
  • Orthognathe Chirurgie zur endgültigen Bisskorrektur nach Wachstumsabschluss
  • Weichteilaugmentation (z.B. Eigenfett oder mikrochirurgische Lappen) zur Symmetrieverbesserung

Die Reihenfolge richtet sich nach Atemweg, Hören und Wachstum. Definitive Eingriffe werden meist erst im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter abgeschlossen.

Diagnostik

Zur Abklärung gehören: klinische Untersuchung durch ein kraniofaziales Team, Hörtest und HNO-Beurteilung, augenärztliche Untersuchung, 3D-Bildgebung der Gesichtsknochen, bei OAVS Bildgebung der Wirbelsäule sowie Abklärung von Herz und Nieren bei Verdacht. Eine genetische Beratung kann ergänzend sinnvoll sein.

Behandlung im interdisziplinären Zentrum

Optimal ist die Betreuung durch ein Team mit Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie / kraniofazialer Chirurgie, HNO und Audiologie, Augenheilkunde, Pädiatrie, Kieferorthopädie, Logopädie, Physiotherapie, Genetik sowie Psychologie.

Möglicher Behandlungsfahrplan

Neugeborenenzeit
Sicherung von Atemweg und Ernährung, Hörscreening, Beurteilung von Augen und – bei OAVS – Wirbelsäule/Herz.
Säuglings-/Kleinkindalter
Hörversorgung, Makrostomie-Korrektur, ggf. Behandlung epibulbärer Dermoide; Sprachförderung.
Schulalter
Unterkieferrekonstruktion / Distraktion, Beginn der Ohrrekonstruktion, kieferorthopädische Behandlung.
Jugend­alter
Definitive Bisskorrektur (orthognathe Chirurgie), Weichteilausgleich, psychosoziale Begleitung.

Prognose

Die Prognose ist günstig: Die geistige Entwicklung und die Lebenserwartung sind in der Regel normal. Schweregrad und individueller Verlauf sind jedoch sehr unterschiedlich. Mit früher Hör- und Atemwegsversorgung sowie gestaffelter Rekonstruktion erreichen die meisten Betroffenen eine gute Funktion, Symmetrie und Lebensqualität.

Kernaussage: Hemifaziale Mikrosomie und Goldenhar-Syndrom gehören zum okulo-aurikulo-vertebralen Spektrum und betreffen vor allem eine Gesichtshälfte. Atemweg und Hören haben Vorrang; die Rekonstruktion von Unterkiefer, Ohr und Weichteilen erfolgt schrittweise in einem spezialisierten Zentrum.

Was ist gesichert, was ist im Fluss?

Was international weitgehend anerkannt ist: Die asymmetrische Unterentwicklung von Unterkiefer, Ohr und Weichteilen einer Gesichtshälfte ist das Kernmerkmal. Das Spektrum reicht von mild bis schwer (bis zum Goldenhar-Spektrum mit zusätzlichen Wirbelsäulen- und Augenbefunden), die Ursache ist meist sporadisch.
Wo Behandlungskonzepte zwischen Zentren variieren: Der Zeitpunkt der Unterkieferdistraktion (früh im Wachstum vs. später) wird unterschiedlich gehandhabt. Auch Klassifikationssysteme (z. B. OMENS) sowie Technik und Zeitpunkt der Ohrrekonstruktion unterscheiden sich zwischen Zentren.
Was wissenschaftlich noch offen ist: Der optimale Zeitpunkt der Unterkieferdistraktion im Wachstumsverlauf ist wissenschaftlich nicht abschliessend geklärt. Ebenso fehlt ein belastbarer Langzeitvergleich zwischen Distraktion und costochondraler Transplantation.

Quellen

  1. Tingaud-Sequeira A, Trimouille A, Sagardoy T, Lacombe D, Rooryck C (2022). Oculo-auriculo-vertebral spectrum: new genes and literature review on a complex disease. J Med Genet, 59(5):417–427. DOI
  2. Hartsfield JK (2007). Review of the etiologic heterogeneity of the oculo-auriculo-vertebral spectrum (Hemifacial Microsomia). Orthod Craniofac Res, 10(3):121–8. DOI

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Typische Behandlungssequenz

Ausprägung sehr variabel; Behandlung nach Schweregrad (OMENS) über Jahre.

OperationKontrolleTherapieAbklärung
Neugeborenes
Abklärung

Abklärung & Klassifikation

OMENS-Klassifikation; Atmung und Ernährung sichern; Hörabklärung.

Säuglingszeit
Therapie

Hörversorgung & Atemweg

Knochenleitungs-Hörgerät; bei schwerer Atemwegsenge frühe Unterkieferdistraktion.

Kindesalter
Operation

Unterkieferdistraktion

Bei ausgeprägter Asymmetrie oder Atemwegsenge; Zeitpunkt individuell (oft Vorschul- bis Schulalter); kieferorthopädische Führung.

ca. 6.–10. Jahr
Operation

Ohrrekonstruktion

Aufbau der Ohrmuschel (Rippenknorpel oder Implantat) bei Mikrotie.

Ab Wachstumsabschluss
Operation

Umstellungsosteotomie

Definitive Korrektur der Kieferasymmetrie (bimaxillär, ggf. Kinnkorrektur); Weichteilaugmentation.

Lebenslang
Kontrolle

Nachsorge

Hören, Zähne, Gesichtsnerv, Psychosoziales.

Typischer Ablauf – individuell sehr unterschiedlich. Zeitpunkte, Reihenfolge und Art der Eingriffe werden immer individuell im spezialisierten Zentrum festgelegt und können deutlich abweichen. Grundlage sind etablierte kraniofaziale Behandlungskonzepte (u. a. ERN CRANIO). Siehe auch Behandlungspfade und Kraniofaziale Bibliothek.

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Behandlung & Operation

Weiterführende Informationen

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